Incoterms für Olivenöl: EXW, FOB, CIF und DAP erklärt
Veröffentlicht am 10. Juli 2026 · 8 min
Dieselbe Partie natives Olivenöl extra kann als „FOB Radès", „CIF Hamburg" oder „DAP Ihr Werk" angeboten werden: drei verschiedene Preise für dasselbe Öl, und keiner davon ist mit den anderen unmittelbar vergleichbar. Der Incoterm legt fest, wer welchen Abschnitt der Logistikkette bezahlt, an welchem Punkt genau die Gefahr vom Verkäufer auf den Käufer übergeht und wer welche Dokumente beibringt. Im Handel mit Olivenöl in Bulk decken vier Klauselfamilien praktisch alle Verträge ab: EXW, FOB, CFR/CIF und DAP/DDP. Hier steht, was jede davon konkret bedeutet — und die Methode, mit der Sie jedes Angebot auf eine einzige Zahl zurückführen: die Vollkosten je Tonne frei Werk.
Was ein Incoterm regelt — und was nicht
Die Incoterms 2020 der Internationalen Handelskammer (ICC) verteilen drei Dinge zwischen Verkäufer und Käufer: die Kosten (Vorlauf, Zollabfertigungen, Seefracht, Versicherung, Nachlauf), die Gefahr (den geografischen Punkt, ab dem ein Schaden nicht mehr das Problem des Verkäufers ist) und einen Teil der Dokumente. Zum Eigentumsübergang, zur Produktqualität und zu den Zahlungsbedingungen sagen sie nichts — das gehört in den Kaufvertrag. Ein seriöser Bulk-Kontrakt nennt deshalb die Klausel UND den genauen Ort („FOB Radès, Tunesien, Incoterms 2020"), das Dokumentenpaket und die Zahlungsmechanik.
EXW: ab Ölmühle oder ab Lager
Bei Ex Works stellt der Verkäufer die Ware lediglich auf seinem Gelände bereit — beim tunesischen Öl typischerweise ein Lager oder eine Partnermühle im Raum Sfax. Alles Weitere liegt beim Käufer: Beladen des Containers, Transport zum Hafen, tunesische Ausfuhrabfertigung, Fracht, Versicherung, Einfuhr. Die Gefahr geht bereits mit der Bereitstellung über, noch vor der Verladung.
Für internationale Ölkäufer ist EXW selten die richtige Wahl: Eine tunesische Ausfuhranmeldung ohne Vertretung vor Ort abzuwickeln ist unrealistisch. Sinn ergibt die Klausel für Handelshäuser, die bereits einen Spediteur im Land haben und die Kette durchgängig kontrollieren wollen. Ein Detail, das im Bulk zählt: Wenn der Verkäufer den Flexitank einbaut und das Öl verlädt — der Normalfall —, ist FCA die korrekte Klausel, denn streng genommen erfolgt die Verladung bei EXW auf Risiko des Käufers.
FOB Radès oder Sfax: der Standard im Bulk-Geschäft
Der Bulk-Markt notiert standardmäßig FOB ab den tunesischen Häfen, allen voran Radès und Sfax. Der Verkäufer übernimmt den tunesischen Teil: Flexitank-Einbau, Verladung, Verplombung, Vorlauf, Ausfuhrabfertigung, Terminalgebühren im Abgangshafen, Lieferung an Bord. Die Gefahr geht auf den Käufer über, sobald die Ware an Bord des Schiffs im Verschiffungshafen ist. Der Käufer bucht die Seefracht, schließt die Versicherung ab und managt alles am Zielort.
Für ausgestattete Käufer ist es die bevorzugte Klausel, weil jede Seite auf ihrem Terrain bleibt: Der Verkäufer beherrscht die tunesische Logistik, der Käufer verhandelt die Fracht über seine eigenen Reederei-Kontrakte und wählt sein Versicherungsniveau selbst. Dokumentenseitig liefert der Verkäufer Rechnung, Packliste, Ausfuhranmeldung, Konnossement, Ursprungszeugnis und das Analysenzertifikat der Partie.
Eine technische Feinheit, auf die wenige Lieferanten hinweisen: Für containerisierte Ware empfiehlt die ICC eigentlich FCA statt FOB, weil der Container schon Tage vor dem Verladen an Bord im Terminal übergeben wird — ein Zeitfenster, in dem der Verkäufer unter FOB weiter in der Gefahr steht, ohne die Box noch zu kontrollieren. Der Handel notiert aus Gewohnheit weiter FOB; ein sauber formulierter Vertrag regelt schlicht, wer dieses Terminal-Fenster trägt. Beim Flexitank liegt der praktische Punkt woanders: Der Liner wird beim Verkäufer befüllt und verplombt, ein erst am Zielort entdecktes Leck fällt also in die Versicherung des Käufers — deshalb sind dokumentierte Plomben und eine unabhängige Gegenanalyse bei der Verladung so wichtig. Zur Wahl des Behälters selbst siehe unser Vergleich Flexitank oder Isotank für Olivenöl.
CFR und CIF: der Preis enthält die Fracht bis zum Ankunftshafen
Bei CFR zahlt der Verkäufer zusätzlich die Seefracht bis zum benannten Bestimmungshafen. Bei CIF kommt die Warentransportversicherung hinzu. Das verbreitetste Missverständnis der Branche sitzt genau hier: Die Gefahr geht trotzdem im Abgangshafen an Bord über, exakt wie bei FOB. Ein unter CIF auf See verlorener Container ist der Schadensfall des Käufers — der Verkäufer hat lediglich die Fracht bezahlt und eine Versicherung zugunsten des Käufers abgeschlossen.
Und diese Deckung ist minimal: Die Incoterms 2020 verpflichten den CIF-Verkäufer nur zur Klausel C der Institute Cargo Clauses, über 110 % des Rechnungswerts, in der Vertragswährung. Darauf kommen wir unten zurück, denn für ein lebensmitteltaugliches Flüssigprodukt ist Klausel C notorisch dünn. CFR und CIF bleiben sinnvoll, wenn der Käufer keinen Spediteur hat — oder wenn die Zahlung über ein Dokumentenakkreditiv läuft, das ein An-Bord-Konnossement und bei CIF ein Versicherungszertifikat verlangt.
DAP und DDP: geliefert bis zu Ihrem Standort
Bei DAP liefert der Verkäufer an den vereinbarten Ort — Ihr Werk, Ihr Lager — entladebereit. Er trägt Fracht, Terminalgebühren im Ankunftshafen und Nachlauf; der Käufer entlädt und übernimmt die Einfuhrabfertigung, Zölle und Einfuhrumsatzsteuer eingeschlossen. Bei DDP erledigt der Verkäufer auch die Einfuhrabfertigung und zahlt die Abgaben: in der Praxis selten, denn er müsste dafür als Einführer in der EU auftreten, mit allen Umsatzsteuer- und Zollkontingentfragen, die daran hängen. Beim tunesischen Öl ist die realistische Lieferklausel DAP, der Käufer bleibt Einführer — Zollsätze, das zollfreie Kontingent und die Grenzkontrollen behandelt unser Leitfaden zum Import von tunesischem Olivenöl in die EU.
Der Reiz von DAP ist die Lesbarkeit: ein einziger Preis, alles inklusive bis an Ihre Rampe, direkt vergleichbar zwischen Lieferanten. Für einen ersten Warenstrom ist es oft die richtige Klausel.
Übersichtstabelle
| Klausel | Gefahrenübergang | Im Verkäuferpreis enthaltene Kosten | Dokumente zulasten des Verkäufers |
|---|---|---|---|
| EXW | Bei Bereitstellung (Mühle/Lager) | Nur die Ware | Rechnung, Packliste, COA |
| FOB | Ware an Bord, Verschiffungshafen | + Verladung, Vorlauf, Ausfuhr, THC Abgang | + Ausfuhranmeldung, Konnossement, Ursprungszeugnis |
| CFR | An Bord, Verschiffungshafen | + Seefracht bis zum Ankunftshafen | Wie FOB, Konnossement bis zum Ankunftshafen |
| CIF | An Bord, Verschiffungshafen | + Versicherung Klausel C über 110 % der Rechnung | + Versicherungszertifikat |
| DAP | Am Bestimmungsort, entladebereit | + THC Ankunft, Nachlauf | + durchgehende Transportdokumente |
| DDP | Am Bestimmungsort | + Einfuhrabfertigung und Zölle | + Einfuhranmeldung |
Die klassische Falle: FOB des einen mit CIF des anderen vergleichen
Zwei Angebote liegen auf Ihrem Tisch: eines FOB Radès, das andere „CIF geliefert" — sprich CIF Ankunftshafen, die letzte Meile kommt noch obendrauf. Diese Rohzahlen zu vergleichen ist sinnlos. Die einzige gemeinsame Basis sind die vollständigen Kosten frei Werk, Position für Position rekonstruiert:
- Abgangspreis (gleiche Güteklasse, vergleichbare COAs);
- Vorlauf und Ausfuhrabfertigung in Tunesien;
- THC im Abgangshafen, dann Seefracht;
- Warentransportversicherung;
- THC im Ankunftshafen und Einfuhrabfertigung (plus Zoll je nach Regime);
- Nachlauf bis zu Ihrem Standort, gegebenenfalls samt Entleerung in Ihre Tanks.
Rein illustrativ: Ein Angebot zu 3.400 €/t FOB mit Fracht und Versicherung von 95 €/t und Ankunftskosten von 60 €/t landet bei 3.555 €/t frei Werk — besser als ein nominelles CIF von 3.530 €/t, auf das Ankunft und Lkw noch aufzuschlagen sind. Unterschiede zwischen Lieferanten beurteilt man nach der Umrechnung, nie davor. Was den Abgangspreis selbst treibt — Kampagne, Güteklasse, Menge —, analysiert unser Beitrag zum Preis für tunesisches Olivenöl in Bulk.
Transportversicherung: Klausel C deckt kein Leck
Bei einem lebensmitteltauglichen Flüssigprodukt ist die Versicherung keine Fußnote. Klausel C — das CIF-Minimum — greift nur bei abschließend aufgezählten Großereignissen: Feuer, Strandung, Kollision, Havarie-grosse, Seewurf. Kein Leck, keine Kontamination, kein Diebstahl, keine Umschlagschäden. Dabei ist das Risiko Nummer eins beim Flexitank genau das Leck. Die angemessene Deckung ist Klausel A („all risks"), geprüft gegen flexitankspezifische Ausschlüsse: Die meisten Policen verlangen einen zertifizierten Liner, eingebaut von einem geschulten Betrieb nach dem Verhaltenskodex der Container Owners Association.
Eine unterschätzte Exponierung: die Havarie-grosse. Erleidet das Schiff ein schweres Ereignis und erklärt der Reeder sie, trägt jeder Ladungseigentümer anteilig die Verluste — auch wenn sein Öl unversehrt ist. Ohne Versicherung müssen Sie eine Bankgarantie stellen, um Ihren Container freizubekommen; mit einer Police nach Klausel A oder C übernimmt das der Versicherer. Die praktische Regel: Wer CIF kauft, verlangt das Upgrade auf Klausel A oder deckt selbst nach; wer FOB oder CFR kauft, versichert selbst — und lässt niemals eine Partie unversichert auslaufen.
Incoterms und Zahlungssicherung
Die gewählte Klausel bestimmt auch, wie sich die Zahlung absichern lässt. Ein Dokumentenakkreditiv funktioniert über Papiere: Die Bank zahlt den Verkäufer gegen ein konformes Set — An-Bord-Konnossement, Rechnung, Ursprungszeugnis, Analysenzertifikat, bei CIF das Versicherungszertifikat. FOB, CFR und CIF passen gut dazu, weil der Verkäufer diese Dokumente kontrolliert. EXW passt schlecht (kein Transportdokument in der Hand des Verkäufers), DAP/DDP ebenfalls: Die Zahlung würde gegen Dokumente ausgelöst, während das Versprechen der Klausel die physische Lieferung ist. Bei Lieferklauseln ist die gängige Praxis eine Anzahlung bei Bestellung und der Rest gegen Dokumente oder bei Erhalt, alternativ ein Dokumenteninkasso (Dokumente gegen Zahlung). In jedem Fall sollte das Dokumentenpaket den COA der Partie enthalten — und idealerweise die unabhängige Gegenanalyse aus der verplombten Verladung.
Welche Klausel für welches Käuferprofil
- Erster Einkauf, kein Logistikteam: DAP. Ein Preis frei Werk, ein sauberer Vergleich, keine Fracht zu steuern.
- Ausgestatteter Käufer, wiederkehrende Ströme: FOB Radès oder Sfax. Sie kontrollieren Fracht, Versicherung und Timing — und behalten die Logistikmarge.
- Dazwischen: CFR oder CIF, vor allem bei Zahlung per Akkreditiv — mit ausdrücklich vereinbarter Klausel-A-Deckung.
Ein Angebot in der Klausel Ihrer Wahl
Virginia verschifft tunesisches Olivenöl in Bulk — Flexitank, Isotank, Fässer, IBC — und notiert EXW, FOB, CFR/CIF oder DAP passend zu Ihrer Organisation, mit COA je Partie, verplombter Verladung und auf Wunsch unabhängiger Gegenanalyse. Nennen Sie uns Menge, Güteklasse und Lieferort: Fordern Sie ein Angebot an — wir qualifizieren den Bedarf innerhalb von 24 Arbeitsstunden und rechnen die relevanten Klauseln nebeneinander durch, auf Vollkostenbasis.
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